
Mein Name ist Abdi und ich bin 25 Jahre alt. Ich bin in Somalia geboren, aber schon mit elf über den Familiennachzug nach Deutschland gekommen. Jetzt habe ich die deutsche Staatsbürgerschaft, studiere Wirtschaftsinformatik und stehe kurz vor dem Bachelor-Abschluss.
Meine Familie ist groß, wir sind zehn Geschwister. Ich liege vom Alter her in der Mitte. Mein ältester Bruder ist schon Mitte 30 und meine jüngste Schwester ist 17. Alle sind jetzt hier. Aber ich glaube, man kann schon sagen, dass meine älteren Geschwister die prägendste Zeit ihres Lebens in Somalia verbracht haben, während die jüngeren sich kaum noch an etwas anderes als an Deutschland erinnern können. Deshalb nehme ich oft auch so etwas wie eine Vermittlerrolle zwischen meinen älteren und meinen jüngeren Geschwistern ein.
Doch auch bei mir sind die Erinnerungen an Mogadischu, wo ich die ersten zehn Jahre meines Lebens verbracht habe, schon sehr stark verblasst.
Meine Eltern und Großeltern haben es gut verstanden, uns Kinder die Unsicherheit und Angst nie spüren zu lassen, die damals in dieser Stadt herrschten und bis heute immer noch herrschen. Das Land liegt ja seit Jahrzehnten in einem nicht enden wollenden blutigen Bürgerkrieg. Bei all den anderen Krisen und Kriegen auf der Welt wird das oft vergessen. Aber es gibt nicht umsonst eine Reisewarnung des Auswärtigen Amts für Somalia.
Unsere Flucht war natürlich nicht so spektakulär und gefährlich wie beispielsweise die von Menschen, die in einem Schlauchboot über das Meer fliehen mussten. Mein Vater hat uns ja über den Familiennachzug nachgeholt. Wir haben uns einfach ins Flugzeug gesetzt und sind nach Deutschland geflogen. Trotzdem war es für mich ein unglaubliches Erlebnis. Ich kann mich zwar an vieles nicht mehr erinnern, aber ich weiß noch, dass ich im Flugzeug das erste Mal in meinem Leben Apfelsaft getrunken habe. Und als wir in München landeten habe ich tatsächlich zum ersten Mal weiße Menschen gesehen.
Meinem Vater war damals nach seiner Ankunft ein Platz in einem Lager in Augsburg zugewiesen worden. Er war dann auch in Augsburg geblieben und hatte, sobald er durfte, angefangen, bei einem Sicherheitsdienst zu arbeiten. Das macht er auch heute noch.
Wir fuhren also auch direkt nach Augsburg und mussten natürlich nicht mehr in ein Lager, sondern konnten direkt in unsere Wohnung. Eine meiner ersten Erinnerungen in Augsburg ist, dass wir eine Einladung von einer anderen somalischen Familie bekommen haben. Die Herzlichkeit und Gastfreundschaft, mit der wir empfangen wurden, war überwältigend.
Am 4. April 2012 sind wir angekommen und nur einen Monat später durfte ich dann auch schon in die Schule gehen. Ich habe mich sehr darauf gefreut. Ich wollte unbedingt in die Schule und es hat mir dann auch von Anfang an gut gefallen. Ich kam zuerst in eine Deutschklasse, habe mir aber selbst ein bisschen Druck gemacht, denn ich wollte so schnell wie möglich in eine Regelklasse. Das habe ich auch schon nach 3 Monaten geschafft. Ich ging auf die Mittelschule und hatte sehr gute Noten. Leider habe ich ein Jahr verloren, weil meine Eltern nicht wussten, dass sie den Schulwechsel auf die Realschule beantragen mussten. Wir dachten, das ginge bei entsprechenden Leistungen von ganz alleine.
Neben der Schule habe ich viel Fußball gespielt und war auch sehr gut. Ich habe es sogar zu einem Probetraining in der Jugend des FC Augsburg geschafft und dort wollten sie mich für befristete Zeit testen. Aber dazu hätte mein Heimatverein seine Zustimmung geben müssen, was er nicht getan hat. Also habe ich in der U15-Bayernliga gespielt. Fußball war damals sehr wichtig für mich, und ich habe die Schule ein wenig schleifen lassen. Dadurch habe ich den Abschluss nicht geschafft. Aber dann sind wir abgestiegen und ich musste mich entscheiden, was ich machen wollte. Eine Lehrerin hat sich mit mir hingesetzt und mit mir lange und intensiv darüber gesprochen. Sie hat mir überhaupt keinen Druck gemacht, aber mir ist klar geworden, dass ich auf den Fußball nicht setzen kann.
Also habe ich einen Antrag gestellt, um doch noch den Mittelschulabschluss machen zu können. Dafür musste ich aber besonderes Engagement beweisen. Ich habe dann für meinen Jahrgang die Abschlussfeier organisiert und auch moderiert. Es war natürlich nicht so leicht für mich, zu sehen, wie die anderen das feierten, was ich nicht geschafft hatte. Der Direktor fand aber, dass ich es sehr gut gemacht hätte und ich durfte also das Jahr wiederholen und dann hat es auch geklappt.
Anschließend habe ich auf der Goetheschule in Lechhausen die Mittlere Reife und 2023 auf dem Holbein-Gymnasium das Abitur gemacht. Studieren wollte ich immer schon, wusste aber zuerst noch nicht so genau, was. Ich habe überlegt, ob ich nicht erst einmal ein Jahr lang reisen und mir die Welt ansehen soll. Ich bin dann aber nur viel durch Deutschland gereist, habe mir eine Menge angesehen. Und ich war noch einmal in Somalia, aber natürlich nur im Norden von Somalia, wo es nicht ganz so gefährlich ist.
Nach meiner Rückkehr habe ich angefangen zu studieren. Informatik hat mich immer interessiert und Wirtschaftsinformatik schien mir das Richtige zu sein. Es macht mir auch Spaß. Jetzt komme ich demnächst ins 6. Semester und mache mir schon Gedanken über die Bachelorarbeit.
An der Uni habe ich International Relations kennen gelernt, das Teil der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät ist. Das finde ich sehr spannend, weil ich auch sehr an politischen und sozialen Themen interessiert bin.
Das Café Schülertreff war für mich von Anfang an eine wichtige Anlaufstelle, wo man mich immer begleitet und unterstützt hat. Das hat mir unglaublich viel gebracht und ich habe dort schon als Schüler Praktika gemacht und arbeite jetzt auch ehrenamtlich dort, weil ich gerne anderen das weitergeben möchte, was ich selbst bekommen habe. Ich organisiere Projekte, z.B. Fußballturniere, gebe Nachhilfe und versuche Schüler und Schülerinnen zu motivieren.
Mein ältester Bruder hat nach der Corona-Zeit das erste somalische Café und Restaurant in Augsburg eröffnet. In der Zeit, als meine Oma und meine Mutter uns in Somalia alle mit ihrem Essen über Wasser gehalten haben, konnten wir ja schon eine Menge Erfahrung in der Gastronomie sammeln. Es läuft ganz gut und es kommen natürlich auch viele Gäste, die ebenso wie wir nach Deutschland geflüchtet oder migriert sind. Ich habe dort angefangen, manchmal auch Leuten zu helfen, die Probleme mit der deutschen Bürokratie haben, z.B. beim Ausfüllen von Formularen. Das hat sich einfach so ergeben. Mittlerweile fragen so viele danach, dass ich schon darüber nachdenke, ob ich nicht so eine Art Büro eröffnen soll, wo ich meine Hilfe anbiete.
Ich habe nämlich auch gemerkt, dass es bei Ämtern und Behörden schon einen großen Unterschied macht, ob man die Sprache beherrscht oder nicht. Die Leute erzählen mir manchmal davon, dass sie angebrüllt oder benachteiligt werden, weil sie nichts verstehen. Wenn ich dann für sie anrufe oder mit ihnen zu den Behörden gehe, mit den Beamten spreche und sage, dass ich Student bin, merke ich sofort, wie sich das Verhalten ändert. Natürlich haben die Sachbearbeiter auch viel Stress, wenn die Leute kein Deutsch können, aber das ist noch lange kein Grund, ihnen deswegen keinen Respekt entgegenzubringen und sie zu diskriminieren.
Rassismus ist natürlich auch etwas, was ich von Anfang an immer wieder erlebt habe. In der Schule hat es mich gestört, wenn andere Schüler das N-Wort gebraucht haben und das von den Lehrkräften nicht mal thematisiert wurde.
Es regt mich schon auf, was momentan in der Welt vorgeht und ich habe auch das Gefühl, dass es in der letzten Zeit mit dem Rassismus schlimmer geworden ist, in Deutschland, aber natürlich auch in anderen Ländern. Wenn man nur in die USA schaut und an die menschenverachtenden Dinge denkt, die Trump dort über die somalischen Einwanderer gesagt hat. Ich bewundere die aus Somalia stammende Kongressabgeordnete Ilhan Omar, die sich dagegen wehrt.
Ich selbst bin auch einer Partei beigetreten, weil ich es für wichtig halte, mich politisch zu engagieren. Man muss selbst versuchen, etwas zu verändern und darf nicht einfach nur darauf warten, dass andere es für einen tun.
Meiner Familie geht es gut hier in Deutschland, wir sind „angekommen“, wie man so sagt. Alle haben eine gute Arbeit oder Ausbildungsstelle, nur einige meiner Schwestern sind noch zu Hause, weil sie gerade kleine Kinder haben. Ich bin also auch schon mehrfacher Onkel.
Es ist uns wichtig, dass wir niemandem auf der Tasche liegen und dem Land, das uns aufgenommen hat, etwas zurückgeben können.
Vielen Dank, Abdi, für den Mut, diese Geschichte hier zu erzählen!